Freitag, Juni 01, 2007

Neulich bei mieser Recherche...

DER SPIEGEL war der Meinung er müsse eine Titelstory über die "Neuen Atheisten" bringen. Nach dem ich es jetzt doch mal geschafft habe, den Artikel ganz zu lesen, stieß mir doch einiges sauer auf.

So ist die Kritik am 100% Atheismus gerechtfertigt, denn dieser unterscheidet sich von einem 100% Theismus nicht wirklich, jedoch betont, der in dem Artikel häufig erwähnte, Richard Dawkins, dass er eben nicht zu 100% ein solcher Atheist ist, wie z.B. Deschner von sich auch nicht behauptet ein solcher zu sein. Ein vernünftiger Atheist ist nicht ein solcher, weil er in der Gottlosigkeit das Seelenheil sieht (gut, dass ich dieses Problem nicht mehr habe), sondern weil das, was an Evidenzen für die Götter angeboten wird (hl.Bücher, Zeremonien, lateinische Zaubersprüche etc.) einer kritischen Prüfung bis jetzt nie standgehalten hat. Das wesentliche des "neuen Atheismus" ist die Kritik und die Schärfe mit der sie vorgetragen wird.

Doch nun mal ein bisschen Exegese anhand der aktuellen Spiegelausgabe. Auf Seite 65 steht da:

Die Neuen Atheisten nehmen sich die abstrusesten Vertreter des Glaubens vor und überschütten sie mit Spott. Doch die wenigsten Christen würden ernsthaft behaupten, Gott sei eine Art Telefonzentrale, die pausenlos Gebete entgegennimmt und abarbeitet.
Als erstes wird der Glaube kritisiert und nicht der Mensch der glaubt. Wenn ich daran glaube, dass Elvis lebt, diese Theorie begründet kritisiert wird und ich mich dann verspottet fühle, so ist das Problem kaum beim Kritiker. Des weiteren - und hier ist der SPIEGEL mal wieder schön inkontinent inkonsistent - wenn die meisten Christen nicht von einer Erfüllung der Gebete ausgehen (was vernünftig ist, denn Gebete sind Aberglauben), warum wird dann so viel gebetet und vor allem warum wird um so viel gebetet (Frieden im Nahen Osten, Auffinden der kleinen Madeleine etc.)?

Doch der SPIEGEL schreibt weiter:

Zugleich zitieren Harris und Dawkins die Bibel ebenso buchstabengläubig wie die vernageltsten Adventisten, ohne zwischen Bildrede, Allegorie und Lyrik zu unterscheiden. Alt- und Neutestamentarischer Gott werden durcheinandergeworfen, Kirchenregeln mit Glaubensdogmen verwechselt, Religion mit Gottesglauben.
Nun, auch hier lässt der SPIEGEL, bzw. der Journalist Alexander Smoltczyk, seine Leser im Dunkeln was er jetzt denn hier genau unter "Bildrede" oder "Allegorie" zu verstehen gedenkt. Er reiht sich mit diesem Statement nahtlos in die Schar der Exegeten ein, die zwar jede positive Aussage für bare Münze nehmen, aber alles Schlechte im Buch der Bücher nur als "Bildrede" verstanden wissen wollen. Die älteste erhaltene Abschrift der Bibel stammt aus dem frühen Mittelalter, es gibt 250.000 verschiedene Arten sie zu lesen und sowohl das Alte noch das Neue Testament taugen nur äußerst bedingt als historische Quelle. Es ist somit intellektuell unredlich etwas anderes als den reinen Text zu analysieren. Irgendeine hineininterpretierte Erwartungshaltung aus einem bereits bestehenden Gottglauben hat da nichts zu suchen. Weiters wird der Vorwurf vorgebracht, dass Alt- und Neutestamentarischer Gott durcheinandergewürfelt wird. Aber ist es nicht so, dass gerade die Christen behaupten, dass ihr Gott ewig und unveränderlich ist? Und wenn dieser so sein soll, so ist die Frage berechtigt, warum er sich im Alten Testament damit begnügt, Ungläubige einfach abzuschlachten oder abschlachten zu lassen, wohingegen er ihnen im Neuen Testament noch zusätzlich ewige Höllenqualen androht. D.h. der NT-Gott ist noch schlimmer als der alte. Ebenso wurden Kirchenregeln mit der Zeit zu Glaubensdogmen (Unfehlbarkeit des Papstes, Transsubstantiation etc.) und eine theistische Religion ohne Gottglauben ist schlicht sinnlos, d.h. das eine bedingt das andere und eine klare Trennung ist oftmals gar nicht möglich.

Insofern, Herr Smoltczyk, möchte ich Ihnen empfehlen das nächste mal gründlicher zu recherchieren (z.B. auf hpd-online) oder sich Seiten wie die von Volker Dittmar zu Gemüte zu führen, die den Glauben mittels der kritischen Vernunft angreifen und sich erst dann etwas aus den Fingern zu saugen und Interviews mit Pfaffen aus dem Vatikan zu führen. Deswegen, trotz der guten PR-Aktion, leider nur ein "ausreichend" von meiner Seite zu ihrem Artikel.


Auf welcher Gesetzestafel steht: Die heiligen Gefühle der Theisten müssen respektiert werden, die heiligen Gefühle der A-Theisten aber nicht?
(Ludwig Marcuse, dt. Philosoph)

Kommentare:

Fischer hat gesagt…

"ausreichend"? Aber nur so gerade eben...

SiliAn hat gesagt…

Bei allen berechtigten Kritikpunkten (falsche Wiedergabe Dawkins'scher Ansichten, merkwürdige Einführung der beiden weltanschaulichen Konkurrenten /Teufels Pudel-Mann mit dem einen nicht langweilig wird etc) halte ich diesen Artikel für doch recht hilfreich; nicht wenige Leser werden sich an Google setzen und Dawkins/Hitchens/Harris/die GBS und Schmidt-Salomon suchen. Problematisch ist mM nach nur dass so vieles noch nicht frei in deutscher Sprache zu lesen ist; schade.

Grüße noch an Po8; einen schönen Blog hast du hier! Danke!

Po8 hat gesagt…

@Fischer
Jo, "ausreichend" v.a. deswegen, weil durch den Spiegel dieses Thema einer breiteren Öffentlichkeit vorsgestellt wurde. Ansonsten wäre es für mich mangelhaft.

@SiliAn
Ich teile diese stille Hoffnung mit Dir, dass einige die richtigen Suchanfragen stellen und sich mit der Religions- bzw. Kirchenkritik auseinandersetzen.

Danke übrigens für das Kompliment - Du weißt ja, gegen Kritik kann man sich wehren, gegen Lob ist man machtlos ;-)