Sonntag, Juli 20, 2008

Das Wort zum Sonntag #49

Thema heute:
Wieso sind natürliche Ursachen für Gläubige so schwer zu akzeptieren?

Inspiriert von meiner lieblings Transplantationsimmunulogin, die sich gerade ihrer masochistischen (oder vielleicht doch humoristischen?) Ader hingibt und ein Buch über "Intelligent Design" liest (und dabei gleichzeitig verbloggt), bin ich dort über folgende Frage gestolpert, die Anlass für das heutige WzS ist:

Wieso ist eigentlich die gleiche Wirklichkeit (z. B. die Existenz von Krankheiten), wenn sie auf natürliche Ursachen zurückgeführt wird, immer viel, viel, VIEL schlimmer, als mit der Annahme betrachtet, die Ursache wäre "das Böse" und "die Sünde"?
An vielen Stellen beobachtet man bei Leuten, die in religiösen Zwangsjacken stecken, dass ein Lauf der Dinge, der sich aus natürliche Ursachen herleitet wesentlich schwerer zu akzeptieren ist, wie einer, der sich aus einem "göttlichen Plan™" ergibt. Warum ist mein Kind im Kindbett gestorben? Gott will dich prüfen! Warum sind Hunderttausende beim Tsunami ums leben gekommen? Gott wollte den Sündenpfuhl reinigen! etc.pp.

Speziell unsere muslimischen Freunde reden ad nauseam von einem "Allerbarmer", rechtfertigen dann aber Massenabschlachtungen desselben (wie beim Tsunami 2004) mit dessen einzigartigen und unverständlichem Willen. Selbst der Buddhismus besitzt ein ähnliches Konstrukt in welchem er mittels der Karma-Behauptung (d.h. nach der Reinkarnation™ machen sich die negativen bzw. positiven Energien aus früheren Leben bemerkbar) auch alle Widrigkeiten rechtfertigen bzw. rationalisieren kann.

Nun, ich denke die größere Akzeptanz der theologischen Schwurbelei gegenüber einem naturalistischen Erklärungsansatz ist, dass wir in unserer maßlosen Selbstüberschätzung und unserem maßlosen Egozentrismus lieber glauben wollen, dass wir über "außerweltliche Mächte" einen Einfluss auf die Welt und unser Schicksal haben bzw. diese mit unserem Verhalten beeinflussen können. D.h. üble Dinge passieren nicht einfach so oder auf Grund einer gewissen Wahrscheinlichkeit oder auf Grund von natürlichen Kausalketten (Kontinentalplattenverschiebung -> Erdbeben), sondern deswegen, weil man der Lehrerin unter den Rock geschaut, die Frau des Nachbarn (einvernehmlich!) genagelt oder, als beschnittener Kopfwindelträger, ein halbes Schwein auf Toast gegessen hat.

Somit schafft der gegenüber der Natur ohnmächtige Mensch (unter Zuhilfenahme des theologischen Doppeldenk) wieder - wenn auch indirekt - Gewalt über selbige zu erlangen - oder falls dies misslingt zumindest eine Erklärung zu haben. Dies zeigt sich u.a. auch darin, dass permanent und mit Vehemenz von (fast) allen Glaubenssystemen ein "Mehr" hinter der erkenn- und erfahrbaren Welt postuliert wird, denn nur mit diesem "Mehr" ist die Aufrechterhaltung der indirekten Steuerung über das eigene Verhalten überhaupt möglich. Allzu oft soll es sich dabei natürlich um ein göttliches Wesen handeln, welches indirekt nach der Pfeife der Pfaffen und Gläubigen zu tanzen habe. Was für ein Hohn!

Was mir dabei aber nicht klar ist - und was JLTs Frage noch extrapoliert - warum geben sich Menschen nicht damit zufrieden, dass sie innerhalb ihres kleinen Wirkungsbereichs, ihres Mikrokosmos, sehr wohl etwas bewegen, durch ihre Handlungen ihre nächste Umwelt positiv beeinflussen und gestalten können? Warum für hungernde Kinder in Afrika beten, wenn man doch auch mal auf die Kinder der alleinerziehenden Nachbarin aufpassen könnte? Warum Gebete für den Frieden im Nahen Osten, wohingegen man doch vor der eigenen Haustüre anfangen kann, ein bisschen freundlicher zu seinen Mitmenschen zu sein?

Vielleicht ist die ganze Menschheitsgeschichte aber auch nur darauf begründet, dass wir Kontroll-freaks sind. Was in der positiven Ausprägung dazu führt, dass wir immer mehr und mehr wissen wollen - denn Wissen ist in gewisser Weise eben auch Macht - in seiner negativen Ausprägung aber dazu, dass wir uns mit vorschnellen Pseudozusammenhängen zufrieden geben, nur weil sie uns den Glauben lassen, wir hätten irgendeine Art von Kontrolle. Weiters würde dieser Kontrollfetischismus auch in gewisser Weise die feuchten Träume Ideen von omnipotenten Wesen besser erläutern.
Der Mensch ist als ein vernünftiges Wesen definiert worden; ich bezeichne ihn als ein leichtgläubiges Wesen. Was kann man ihn nicht alles glauben machen?
(Claude Adrien Helvetius)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Du Fragst:
"Wieso sind natürliche Ursachen für Gläubige so schwer zu akzeptieren?"

Viele Gläubige sind bei Krankheiten, Unglücken oder Katastrophen der Überzeugung, dass es 'die Richtigen trifft', die etwas getan oder unterlassen haben, was Gott nicht gefällt.

Wenn es jeden Beliebigen treffen kann, ist auch ein Stück Sicherheit dahin.

Gruss Konrad

Po8 hat gesagt…

@Konrad
Das ist genau der Punkt, es wird ein naturalistischer Ansatz, der keinerlei Möglichkeit zum Eingriff bietet, gegen einen spirituellen Ansatz ausgetauscht, bei dem zwar i.d.R. ein unberechenbarer und unkontrollierbarer Despot - auch Gott genannt - die Kontrolle hat, dieser sich aber vermeintlich beeinflussen lässt, damit es nur die "Richtigen" trifft.

Sicherheit gibt es in beiden Fällen nicht, aber im zweiten kann man noch an eine solche glauben (im übrigen auch an eine ausgleichende Gerechtigkeit).