Sonntag, Juli 06, 2008

Das Wort zum Sonntag #48

Thema heute:
Das Dogma der "bösen" Schulmedizin.

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Infantizid, die Tötung der Erstgeborenen, durch Herodes, wie er von der Bibel kolportiert wurde. Zum Glück ist diese Geschichte ein Märchen, denn es gibt zwar jede Menge Belege dafür, dass Herodes kein Vorbildherrscher war, aber speziell zu dieser Grausamkeit, die ja einiges Aufsehen erregen musste, schweigen sämtliche zeitnahen Quellen. Trotzdem glauben Menschen (ich ja auch, als ich noch jung und unschuldig war), dass dies so stattgefunden hat. Die häufige Wiederholung dieser Geschichte in Religionsunterrichten und Bibelstunden weltweit, trägt nicht dazu bei, dass dieser Irrtum aufgeklärt wird. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Quelle ja göttlichen, also unfehlbaren Ursprung hat.

Ähnlich verhält es sich mit der "Schulmedizin". Der Begriff wird schon seit einigen Jahrhunderten in abwertender Weise für die Ärzteschaft gebraucht, die ein Hochschulstudium absolvierten und sich der wissenschaftlichen Medizin verschrieben haben. Gerade die Homöopathen des ausgehenden 19. Jh. bedienten sich dieses Begriffs, aber auch die Nazis, die ihn gegen jüdische Ärzte verwendeten.


Jedoch ist in letzter Zeit eine immer größere Spaltung zwischen der (Hoch)schulmedizin und der sog. "Alternativmedizin" zu beobachten. Während erstere sich weiterhin der wissenschaftlichen Methode bedient und immer in der Nachweispflicht der Wirksamkeit ist (dass hier leider auch marktwirtschaftliche bzw. kapitalistische Einflüsse spürbar werden soll heute mal als Thema nicht angefasst werden), so hat die "Alternative" anscheinend komplette Narrenfreiheit. Weder müssen hier zu Zulassung der (Placebo)Präparate irgendwelche Studien vorgelegt werden, noch müssen die Heilpraktiker, Homöopathen, Lichttherapeuten, Reikitherapeuten, Bachblütenschwurbler, Anthroposophen und was es sonst noch so an Scharlatanen in diesem Bereich gibt, irgendeine Art humanmedizinischer Qualifikation vorlegen, die nur Annähernd mit der eines Arztes im praktischen Jahr vergleichbar wäre. Auf Grund von andauernder Propaganda und gefälschten Statistiken wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, man könnte mit diesem Scheiß auch wirklich etwas bewegen (zumindest etwas über den Placeboeffekt hinaus).

Miteinhergehend mit den meisten dieser Pseudoalternativen geht auch eine Negativpropaganda über die Hochschulmedizin. Die Hochschulmedizin sei böse, die Ärzte nur auf ihren Gewinn aus, statt auf das Wohl der Patienten und die pharmazeutische Industrie eine Mafia. So berechtigt eine Kritik am bestehenden System auch sein mag (und hier nicht weiter erörtert werden soll), so unhaltbar ist doch eine Pauschalverurteilung, wie sie von Homöopathen, Impfgegnern u.a. vorgebracht wird. Schlimmer noch, das permanente Ärtze-Bashing hat meiner bescheidenenen Meinung nach schon pathogene bzw. dogmatische Züge angenommen. Denn obwohl im Falle schwerer Erkrankungen sehr wohl auf das Wissen und die Erfahrung der Medizin zurückgegriffen wird, so wird doch dort, wo es nichts kostet und nicht akut lebensgefährlich ist (Kopfschmerzen, Bluthochdruck usw.) weiterhin an der Hetze festgehalten.

Dabei müsste man, so man nur in irgeneiner Art und Weise glaubwürdig bleiben wollte, ein einziges positives Beispiel gelten lassen um dieses Dogma der "bösen Schulmedizin" aufzugeben. D.h. eine erfolgreich transplantierte Niere, eine Erfolgreiche Insulinbehandlung eines Diabetikers müssten die Alternativheuchler Lügen strafen und sie müssten eingestehen, dass hier zum einen die Ursache-Wirkung erforscht und auf dieser Basis Maßnahmen gefunden wurden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Erfolge der Medizin werden so ausgelegt, dass der Patient nicht wegen, sondern trotz des Einschreitens eines Hochschulmediziners überlebt hat, und dass der gemeine Arzt ja überhaupt keine Ahnung habe, was es denn sonst noch so alles zwischen Himmel und Erde gäbe und deswegen überhaupt nie so "qualifiziert" derherschwätzen könne, wie ein Homöopath, Anthroposoph, Bachblütler oder sonstiger Wunderheiler. Somit muss der normale Arzt genau das aushalten, was der Wunderheiler selbst bei sich nicht zulässt, nämlich Kritik.

Die einzige Möglichkeit der Alternativmedizinseuche Herr zu werden ist das entschlossene Vorgehen auch der unentschlossenen Patienten. Wer einen niedergelassenen Kassenarzt besucht, der, weil es so "in" ist, auch einen Homöopathiekurs gemacht hat und sich jetzt als solcher schimpft, der Fördert diesen Schwachsinn, ist also passiver Unterstützer. Wer von seiner Krankenkasse fordert, dass sie die homöopathischen Wässerchen bezahlt, der unterstützt den Blödsinn auch noch aktiv. Wir sollten in der heutigen Zeit Dogmen keine Chance mehr geben und v.a. nicht auf die Propaganda von einigen Pseudomedizinsekten hereinfallen, obwohl uns unser Hausarzt fast täglich das Gegenteil beweist und diese als Lügner entlarvt.
Die Erforschung der Krankheiten hat so große Fortschritte gemacht, das es immer schwerer wird, einen Menschen zu finden, der völlig gesund ist.
(Aldous Huxley)

Kommentare:

Matthias hat gesagt…

"Gerade die Homöopathen des ausgehenden 19. Jh. bedienten sich dieses Begriffs, aber auch die Nazis, die ihn gegen jüdische Ärzte verwendeten."

Irgendwie lustig, wenn Godwins Law so schnell in Aktion tritt.

Aber egal. Was das Thema betrifft: Dieser Methodenstreit ist etwa so intelligent wie derjenige über das bessere Betriebssystem. Als Patient interessiert mich doch nicht das medizinische Glaubensbekenntnis des behandelnden Arztes, sondern seine Fähigkeit, die angemessene Behandlung für mein gesundheitliches Problem zu finden! Ob die Behandlung sich dann Linux oder Windows oder Mac nennt, ist mir herzlich egal; Hauptsache, es wirkt auf Dauer. Das ist der pragmatischere Ansatz als Dein flammendes Glaubensbekenntnis zur Hochschulmedizin ;-).

Po8 hat gesagt…

Naja.. Godwin ist, soweit ich weiß, nur in Diskussionen anwendbar und bei den von mir genannten Fakten hadelt es um eine Information aus wikipedia, die den heutigen Benutzern des Begriffs anscheinend nicht mehr bewusst ist:

"Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde der Begriff in Deutschland benutzt, um die vorwiegend jüdische Ärzteschaft zu diffamieren und statt dessen die gesunde „Volksmedizin“ oder eine „Neue Deutsche Heilkunde“ als Gegenstück zur „verjudeten Schulmedizin“ zu propagieren"

Weiters, zum Argument, dass jeder auf seine Facon glücklich werden sollte ist zunächst prinzipiell nichts einzuwenden. Jedoch hinkt die Analogie mit den Betriebssystemen hier imho gewaltig, denn jedes der von Dir genannten Betriebssysteme erfüllt unter objektiven Kriterien seinen Zweck, es lässt sich messen ob es funktioniert oder nicht, quantifizieren wie gut es seinen Dienst erfüllt usw.. Bei den Pseudomedizinrichtungen gibt es keine Vergleichbaren Nachweise.

Um bei dem Computervergleich zu bleiben, das wäre in etwa so, als behaupteten einige Gruppen, ein Rechner wäre durch das richtige Hintergrundbild ausreichend gegen Viren geschützt, wohingegen sich einige Anbieter auf Grund wissenschaftlicher Methoden um einen nachweis- und quantifizierbaren Schutz bemühen. Doch dem nicht genug, die Hintergrundbildgläubigen propagieren auch noch zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, dass das Hintergrundbild die bessere, weil sanftere, Methode sei und versuchen ad nauseam die Antivirensoftwarehersteller in ein schlechtes Licht zu rücken.

Bei einem studierten Humanmediziner, der sich zugleich Homöopath nennt, bleiben aus meiner Sicht nur zwei Schlussfolgerungen übrig:
a) er ist nicht mehr in der Lage die prinzipielle Unvereinbarkeit der Physik mit der Homöopathie zu erkennen, d.h. sein Urteilsvermögen ist stark getrübt
b) er weiß um die Wirkungslosigkeit der Homöopathie und bietet die "Leistung" absichtlich an, was imho vorsätzlicher Betrug ist

In beiden Fällen ist der Arzt imho diskreditiert, denn es gilt nicht "wer heilt hat recht" sondern "wessen Methode nachweisbar zur Heilung beiträgt, hat recht". Und deswegen ist es umso wichtiger, dass sich alle Behandlungsmethoden einer kritischen Überprüfung stellen müssen. Alle Pseudo- und Paramedizinrichtungen entziehen sich aber einer solchen.

Insofern ist der von Dir skizzierte Ansatz nicht pragmatisch, oder pragmatischer, sondern schlicht unkritisch, d.h. Behauptungen alleine genügen um an Menschen herumdoktern zu können. So eine Ansicht kann ich aber aus humanistischer Sicht nicht unterstützen, sry.