Mittwoch, Jänner 23, 2008

Die po8ische Rezension #8

Stollbergs Inferno - Michael Schmidt-Salomon
(Alibri 2007, ISBN: 978-3-86569-049-4)

Was passiert eigentlich nach dem Tod. Genauer, was passiert mit einem Religionskritiker nach dem Tod, wenn gegen alle Wahrscheinlichkeit der christliche Glaube - speziell der Katholizismus - doch der Richtige ist. Dieser Frage geht das Buch bzw. der Roman "Stollbergs Inferno" von Michael Schmidt-Salomon (MSS) nach. Gleich im ersten Kapitel haucht der Protagonist Jan Stollberg sein Leben aus, was aber noch weitere 42 Kapitel Lesespaß folgen lässt, in denen sich der kritische Humanist in der christlichen Vorhölle wiederfindet, in welcher durch peinliche Befragung entschieden wird ob derjenige für immer verloren ist und in die Hölle muss oder ob man ihm doch noch eine Chance auf ewige Glückseeligkeit an Gottes Seite bietet.

Das Buch ist imho am ehesten als philosophische Satire zu sehen, denn fast alle wichtigen Philosophen finden sich natürlich in eben jener Vorhölle in die auch Stollberg gerät, so dass man sich hier nun trefflich austauschen kann. Als Erleichterung für alle diejenigen, die sich nicht festen Fußes auf dem philosophischen Parkett bewegen, ist am Ende ein Glossar aller verwendeten Geister aufgeführt, so dass man trotz der Fülle an Philosophien mühelos folgen kann. Auch zeichnet sich das Werk durch einen angenehmen und leicht verständlichen Sprachstil aus, so dass auch Religions(kritik)muffel und Philosophieverweigerer einen Blick riskieren könnten.

Leseprobe:
"Bereust du deine Sünden und deine Abkehr von Gott, dem All mächtigen, dem Herrscher über Himmel und Erde?"
Jan überlegte, was er antworten sollte. Einerseits spürte er nicht das geringste Verlangen, wieder in die Flammen geschickt zu Werden, andererseits aber wollte er auf keinen Fall klein beigeben. Das Beispiel Kants hatte ihm sehr imponiert. Außerdem gab es für ihn wie das tragische Schicksal Epikurs zeigte - auch keine wirkliche Alternativen.
"Bereust du deine Sünden?"
"Ja, ich bereue ... "
"Was bereust du?"
"Ich bereue, die christliche Lehre von Gott nicht wirklich ernst genommen zu haben!"
"Du siehst also ein, dass du im Unrecht warst?"
"Ja, ich habe zu Unrecht die christliche Religion als Lügenwerk bezeichnet!"
"Das bereust du nun?"
"Ja, ich bereue, dass ich die Menschen nicht auf den Irrsinn hier unten vorbereitet habe. Ich habe versucht, den Glauben an Gott zu widerlegen. Aber das stärkste Argument gegen Gott - erkenne ich erst jetzt! - ist der Beweis seiner Existenz!"
Jans Stuhl donnerte in die Tiefe. Die Flammen brannten entsetzlich, doch er biss die Zähne zusammen. Er wollte unter keinen Umständen seine Schmerzen zeigen. Nur seine Verachtung sollte der Inquisitor spüren. Nichts als pure Verachtung! Er begann, höhnisch zu lachen. Merkwürdigerweise half ihm das, die Qualen zu ertragen. Ob das Nietzsches Geheimnis war? Der Stuhl fuhr wieder nach oben.
"Du bist verbittert!", sagte der Inquisitor. "Mir scheint, es macht zur Zeit keinen Sinn, mit dir über Gott zu sprechen!"
"Gut, dann kann ich also gehen?"
"Wann das Verhör beendet ist, bestimme ich! Hast du das verstanden?"
"Selbstverständlich!"
"Du hast noch in anderen Punkten gesündigt! Lass uns darüber sprechen! Vielleicht zeigst du da mehr Einsicht!"
"Was soll ich denn noch verbrochen haben?"
"Kannst du es nicht erraten?" Jan schüttelte den Kopf. "Du warst unkeusch!"
Jan lachte wild drauf los: "Ich war ... unkeusch?"
"Du hattest Beziehungen zu mehreren Frauen - auch während deiner Ehe!"
"Meine Frau wusste darüber Bescheid. Wir führten eine offene Ehe. Auch sie hatte Liebhaber!" Der Stuhl sauste in die Tiefe. J an lachte. Die Schmerzen waren seltsamerweise nur noch halb so schlimm! Nach einer Weile emp¬fand er die Hitze sogar fast als angenehm. "Nietzsche, du Höllenhund!", dachte er, als der Stuhl wieder nach oben fuhr.
Der Inquisitor kochte vor Wut: "Also sprach der Herr: 'Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird!' Kennst du diese Stelle aus dem Neuen Testament?"
"Sicher, das ist eine Passage aus der Bergpredigt!"
"Und was sagst du dazu?"
"Nun, entweder beanspruchte Jesus alle Frauen für sich oder ... ", Jan lachte, " ... oder aber der Heiland litt unter einer starken Sexualneurose. Natürlich habe ich mich dieser dämlichen An¬weisung nicht unterworfen!"
"Du willst es nicht einmal leugnen?", brüllte der Inquisitor.
"Was sollte ich da leugnen?", fragte Jan. "Wir waren glücklich ..."

Das Buch durchdenkt die christliche Höllenvorstellung einmal komplett - dafür die volle Punktzahl, weiters sind etliche philosophische Ideen in einem lockeren Stil im Romanformat verpackt, was ich ebenfalls für sehr lobenswert erachte. Nur hätte ich mir, speziell bei dem (Vor)Höllenthema etwas mehr epische Breite oder erzählerische Tiefe gewünscht. Somit verbleiben noch

7 von 8 möglichen Punkten

Kommentare:

Norton hat gesagt…

Hi Po8,

faul wie ich bin kopiere ich meinen Beitrag zu SI aus dem FGH :


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Mir haben, wie sollte es auch anders sein die "absurden" Einfälle und Ausnehmungen der christlichen Höllen- und Paradiesvorstellung (Fötensee, SS- Wachen etc...) gefallen, das Buch an sich liest sich als in Philosophie halbwegs Bewanderter wie ein Möbelhausprospekt dessen Angebot man zur Hälfte vollikeatisiert schon im Eigenheim stehen hat: Schopenhauer, der dunkle Denker der..... Camus, der französische Philosoph der .......; die Intention dahinter ist ja klar und für Menschen die sich der Thematik taufrisch nähern bestimmt sehr interessant, aber nach 50 Seiten habe ich unwillentlich und manisch nur noch auf die Stelle gewartet, die die Position des nächsten Denkers von ordentlichem Schlag in 2 Sätzen zusammenfassen muss und mich irgendwie geärgert wie diese Personen eingeführt werden. Mal abgesehen davon hasse Ich es wenn Geistesgrößen wie Schopenhauer, Camus oder Nietzsche in Romanen Dialoge untergeschoben werden, da wurde Ich schon bei Yaloms "Und Nietzsche weinte" innerlich aggressiv. Schöner Einstieg in die hahnebüchene Vorstellung vieler Gläubige betreff des "Afterlife", für einschlägig Vorgebildete ennuierende Repetitionen die oftmals die guten Gedanken überschatten. Nichtsdestotrotz zur Lektüre empfohlen und in der Radikalität sowie Konsequenz noch eher eines der Bücher, die man u.a. Teilzeitchristen zum inneren Reichsparteitag und zu weiteren Gedanken bezüglich ihres Glaubens fernab härterer philosophischer Werke empfehlen könnte.


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http://freigeisterhaus.de/viewtopic.php?p=717590

Po8 hat gesagt…

Vielen Dank für die Ergänzung :-)

Ich denke man könnte diese Kondensation oder Kompression der philosophischen Denker sowie ihre Einführung auch noch verargumentieren, allerdings geht das nicht ohne hier heftig zu spoilern ;-)