Sonntag, September 28, 2008

Das Wort zum Sonntag #57

Thema heute:
Warum die christliche Position zur Abtreibung biblisch unhaltbar ist.

Abtreibung scheint, wenn man der christlichen Propaganda folgen will, wohl das Schlimmste überhaupt zu sein und anstatt sich dem ethischen Dilemma zu stellen, nämlich zwischen dem Leid des Fötus und dem Leid der abtreibungswilligen Mutter abzuwägen, wird dogmatisch propagiert, dass mit der befruchteten Eizelle das menschliche Leben beginnt. Man hängt sich teebeutelartig in jedwede Diskussion, behauptet Abtreibungen seien das Hauptproblem (siehe hier) und selbst Mutter Teresa, deren "Werke" völlig unverdient mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurden, sprach bei ihrer Rede in Stockholm von genau diesen "Morden". Auffällig auch das Vokabular, so ist z.B. vom "Babycaust" zu lesen oder vom "(ungebornenen) Kinder-Mord" usw.. Ich habe dieses Thema ohnehin schon hier und hier angerissen.

Heute soll es aber darum gehen, was zum Thema im hl.Märchenbuch steht. Ich möchte an dieser Stelle auch noch auf den kath. Katechismus verweisen, der bekräftigt, das "die Christen ... das Alte Testament als wahres Wort Gottes [verehren]". Abtreibung war schon in der Antike (übrigens neben Verhütung) und sehr wahrscheinlich auch weit davor bekannt, d.h. sowohl Skeptiker als auch Gläubige können davon ausgehen, dass wenn sich Gott (oder wer auch immer der heilige Ghostwriter war) dazu äußern wollte, es bestimmt auch getan hätte.

Das erste interessante Faktum ist, dass an keiner Stelle Abtreibung explizit verboten wird (obwohl ansonsten ja für so ziemlich jeden Blödsinn ein "Gesetz" erlassen wurde). Doch noch viel interessanter sind die Aussagen über Föten bzw. deren "Wert" im Verhältnis zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft, so liest man in 2. Mose 21,22-24:
Wenn Männer miteinander streiten und stoßen dabei eine schwangere Frau, so dass ihr die Frucht abgeht, ihr aber sonst kein Schaden widerfährt, so soll man ihn um Geld strafen, wie viel ihr Ehemann ihm auferlegt, und er soll's geben durch die Hand der Richter. Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.

Hier wird explizit das Leben der Frau höher gewertet als das Leben des Fötus. Es ist nicht von Mord die Rede, sondern nur von einem Schaden, welcher durch Geld auszugleichen ist, obschon bei Erwachsenen das "Auge-um-Auge"-Prinzip anzuwenden sei (abgesehen davon, dass das ja schöne Raufbolde gewesen sein mussten). Dass aber hierbei nicht der Wert des Kindes ausgeglichen werden soll, sondern eher das Leid der Frau legt die nächste Stelle nahe (3. Mose 27,1ff):
Und der HERR redete mit Mose und sprach: Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Wenn jemand dem HERRN ein Gelübde getan hat, das abgelöst werden soll, und es sich um einen Menschen handelt, so soll das deine Schätzung sein: Einen Mann von zwanzig bis sechzig Jahren sollst du schätzen auf fünfzig Lot Silber nach dem Gewicht des Heiligtums, eine Frau auf dreißig Lot Silber. Von fünf Jahren bis zwanzig Jahren sollst du, wenn es ein Mann ist, schätzen auf zwanzig Lot Silber, eine Frau aber auf zehn Lot Silber. Von einem Monat an bis auf fünf Jahre sollst du, wenn es ein Knabe ist, schätzen auf fünf Lot Silber, ein Mädchen aber auf drei Lot Silber. Bei sechzig Jahren und darüber sollst du, wenn es ein Mann ist, schätzen auf fünfzehn Lot Silber, eine Frau aber auf zehn Lot Silber.

Hier beginnt die "Schätzung" erst mit einem Monat nach der Geburt, d.h. Neugeborene und Föten haben gar keinen Wert. Das passt auch hevorragend zum historischen Kontext, denn in kinderreichen Familien in vorindustrieller Zeit war es "normal" dass von einem Dutzend nicht alle die Pubertät erreichten und tote Mütter im Kindbett sowie Todgeburten waren an der Tagesordnung.

Dies wird noch an anderer Stelle (4. Mose 3,15) bestätigt, da hier Kinder unter einem Monat noch nicht mal als Person gewertet werden, somit als nicht zählenswert erachtet:
Zähle die Söhne Levi nach ihren Sippen und Geschlechtern, alles, was männlich ist, einen Monat alt und darüber.

Doch auch hier ist das Ende der Fahnenstange götlichen Ratschlusses noch nicht erreicht, denn er selbst befiehlt (implizit) Schwangere und somit deren Föten umzubringen oder bringt diese gleich selbst um:
Zähle die Söhne Levi nach ihren Sippen und Geschlechtern, alles, was männlich ist, einen Monat alt und darüber. (4. Mose 31,15)

Auch wenn sie gebären würden, will ich doch die ersehnte Frucht ihres Leibes töten. (Hos 9,16)

Samaria wird wüst werden; denn es ist seinem Gott ungehorsam. Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden. (Hos 14,1)

Weiters bestraft er auch noch Schwangere durch einen Tod des Neugeborenen oder verflucht sie dazu:
Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. (2. Sam 12,14)

Wenn du aber deinem Mann untreu geworden bist, dass du unrein wurdest, und hat jemand bei dir gelegen außer deinem Mann, - so soll der Priester mit einem Verwünschungsschwur die Frau beschwören und zu ihr sagen: Der HERR mache deinen Namen zum Fluch und zur Verwünschung unter deinem Volk, dadurch, dass der HERR deine Hüfte schwinden und deinen Bauch schwellen lässt. So gehe nun das fluchbringende Wasser in deinen Leib, dass dein Bauch schwelle und deine Hüfte schwinde! Und die Frau soll sagen: Amen! Amen! Dann soll der Priester diese Flüche auf einen Zettel schreiben und mit dem bitteren Wasser abwaschen und soll der Frau von dem bitteren, fluchbringenden Wasser zu trinken geben. Und wenn das fluchbringende, bittere Wasser in sie gegangen ist, soll der Priester von ihrer Hand das Eifersuchtsopfer nehmen und als Speisopfer vor dem HERRN schwingen und auf dem Altar opfern, nämlich: er soll eine Hand voll vom Speisopfer nehmen als Gedenkopfer und es auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen und danach der Frau das Wasser zu trinken geben. Und wenn sie das Wasser getrunken hat und unrein ist und sich an ihrem Mann versündigt hat, so wird das fluchbringende Wasser in sie gehen und ihr zum Verderben werden, dass ihr der Bauch schwellen und die Hüfte schwinden wird, und es wird die Frau zum Fluch werden unter ihrem Volk. Hat sich aber eine solche Frau nicht unrein gemacht, sondern ist sie rein, so wird's ihr nicht schaden und sie kann schwanger werden. (4. Mose 5,20ff)
(Letztere Passage ist auch noch mal sehr anschaulich bei "The Brick Testament" dargestellt.)

Wie gezeigt lässt sich die christliche Extremposition gegen Abtreibung nur dadurch halten, indem man stark exegiert, d.h. Bibelstellen interpretiert oder unterschiedlich gewichtet (z.B. "du sollst nicht töten" auch auf Föten ausweitet). Die Strategie dahinter ist recht simpel. Unter Missachtung aller biologischen Fakten (bis zur 7. Woche hat ein Fötus noch kein Nervensystem entwickelt, ist also per definitionem nicht leidensfähig) werden Frauen dazu verdonnert alles auf die Welt zu bringen, was man auf die Welt bringen kann. Und das alles nur, weil eben Föten so schön menschenähnlich aussehen (klar, was auch sonst?) und hier so schön ein biologisches Prinzip ausgenutzt werden kann, nämlich dass Erwachsene auf das Kindchenschema anspringen (Erwachsene, die das nicht in dem Maße taten, sind eh ausgestorben).

Die Doppelmoral dahinter ist kaum zu übersehen: jahrhundertelang wurden Frauen zur heimlichen Abtreibung getrieben, weil außerehelicher (einvernehmlicher) Geschlechtsverkehr gem. kirchlicher Doktrin verboten und Sünde war, d.h. auf die seltsamen Moralvorstellungen des Klerus gehen ein guter Teil eben dieser Abtreibungen. Heute, wo alleinerziehende Mütter fast schon an der Tagesordnung sind, thematisiert man das natürlich nicht mehr sondern stürzt sich auf eine gesellschaftliche Extremposition (ähnlich auch mit der Sterbehilfe) um hier ein paar Extremisten abzugreifen (und das ohne vernünftige Argumente). Schlimmer noch, durch ein generelles Abtreibungsverbot würden all jene Frauen wieder in die Illegalität gedrängt, aus welcher sie die Aufklärung und der Humanismus erst jüngst befreiten.

Bezeichnend ist auch, was die europäischen Bischöfe zum Thema EU und Abtreibung zu sagen haben:
„Die Europäische Union hat keinerlei Entscheidungsbefugnis oder Kompetenz bezüglich Abtreibung oder irgendeiner Frage, die im Bezug zu Leistungen sexueller und reproduktiver Gesundheitsdienste steht“

D.h. der Gesamtheit der europäischen Bevölkerung, respektive ihrer politischen Vertreter, wird die Kompetenz abgesprochen über Derartiges zu entscheiden. Sehr interessant, dass sich im Gegenzug aber ein paar hauptamtliche sonntägliche Travestiekünstler mit alten Beduinenschriften hierbei für kompetent erachten. Man könnte auch sagen: das stinkt zum Himmel!
Inzwischen wimmelt das in den Slums aller Länder, die Knie der glücklichen Mütter werden von Geschöpfen umspielt, die später in den Kohlenbergwerken oder in den Ackergräben für den Profit der anderen verrecken dürfen... aber: es ist nicht abgetrieben worden. Der Kranz, der Kranz ist gerettet!
(Kurt Tucholsky)

Kommentare:

TAMMOX hat gesagt…

Hey!

Danke für das Posting!
Interessante Bibelrecherche.

Zwei Dinge fehlen aber darin:
Die Abtreibungen sind außerdem auch Schuld am Börsendesaster der Wall Street! Der „Right-Wing-Watch“ zitiert dazu Tony Perkins :

http://www.rightwingwatch.org/content/economic-crisis-result-%E2%80%9Cbreakdown-family%E2%80%9D

While the economy clearly is at the forefront of voter priorities, conservative Christians also draw a connection between traditional social issues like abortion and gay marriage and the economy, said Tony Perkins, president of the Washington-based Family Research Council.
"As there's a breakdown in the family and the family weakens, it's only logical it will hit Wall Street," Perkins said. "A nation cannot be strong just because of a financial structure alone. It has to have strong families and values."



Und kommt dementsprechend zu dem Schluß, daß der Bankenkollaps dann enden würde, as soon as women stop having abortions and gays stop trying to get married!!

Also DAS ist doch schon mal klar zu erkennen aus ökonomischer Sicht.


Und der andere Punkt ist, daß nun schon Christen à la Kardinal Meisner und seine neue Lichtgestalt Fürstin GLORIA erkennen, daß schon die Einnahme der Pille Kinderholocaust.
Sie sagt im Interview mit Kotznet:

http://www.kreuz.net/article.7893.html

Der Zusammenhang zwischen der Verhütung und der Kinderabtreibung: Sogenannte Nidationshemmer hindern die befruchtete Eizelle daran, sich in der Gebärmutter einzunisten. Die befruchtete Eizelle ist ein Mensch. Das sagt uns die Wissenschaft: Als befruchtete Eizelle besitzt jeder Mensch bereits seine gesamte Erbinformation.

Das ist natürlich FALSCH: Ohne Eisprung gibt es keine Befruchtung – und wo kein Leben entsteht, kann auch keins abgetrieben werden. Unter der sogenannten Minipille versteht man, daß Schleim im Gebärmutterhals für Spermien undurchlässig macht und es keine Befruchtung gibt. Eine Variante der Minipille führt unter Umständen dazu, dass ein befruchtetes Ei sich nicht in der Gebärmutter einnistet – das kommt aber auch ohne Chemie ganz natürlich vor. (sinngemäß aus dem SPIEGEL zitiert)

Die „Christen“ haben in Fürstin Gloria offenbar ein neues Idol gefunden und stimmen begeistert zu:

„Herzerfrischend, wie diese „freche“ couragierte Grande Dame den linken ewiggestrigen Zeitgeistspießern ein ums andere Mal nicht nur Paroli bietet, sondern diesen verknöcherten, nach Mottenkugeln miefenden 68er-Mumien eine aufs Maul gibt!

Oder:

Sie hat doch 100% Recht. Spätestens seit die Fürstin aussagte: Die Inquisition wird heute nicht mehr von Kirche und Staat betrieben, sondern von den Medien; lese ich sehr genau nach was sie sagt.

LG
T

Po8 hat gesagt…

Vielen Dank Mr. T ;-) für die Darstellung in praxi.

Dahinter steckt der naive Aberglaube, dass Gott zwar alles will, was mit Kindern zu tun hat, die Pille, das Kondom oder die Abtreibung aber eine Erfindung des Teufels wären (der alte Herr zwar allmächtig, aber eben nicht allmächtig genug war, den Teufel davon abzuhalten). Insofern kann man dann genau das Vorschulniveau abschätzen auf welchem sich Leute wie Gloria oder Meisner argumentativ befinden.

.kroski hat gesagt…

Vorschulniveau ist doch ein gutes Stichwort.

Jemand, der die Bibel und insbesondere das Alte Testament, so liest, als hätte Wort für Wort im 21. Jahrhundert Gültigkeit, ist schon recht naiv einzuschätzen.

Wollen wir also Bibelexegesen der Jahrhunderte (und Talmudauslegungen, damir wir nicht nur christlich argumentieren) schwuppdiwupp für nichtexistent erklären?

Oder vielleicht durch eine Po8'sche Interpretation des AT ersetzen? (Das würde dir so passen, nehme ich an.)

Mitnichten.

Bei deinen Interpretationsversuchen werden nicht nur unzulässige Schlüsse gezogen (z.B. aus Schadensregelungen im AT einfach so auf Kirchenpositionen der Jetztzeit zu schließen), sondern es zudem negiert, dass jeder Mensch und jedes Leben einzigartig ist, und letztlich nach seinen Absichten, nach seiner Freiheit, nach seiner Liebe in den verschiedensten Lebenssituationen zu sehen ist.

Was hat also eine junge Frau, die aus materiellen und karrierebezogenen Gründen heute schnell für 398 Euro abtreiben lässt, mit der mit deinen Passagen des 2. und 3. Mose-Buches zu tun?

Es ist mir einfach zu langweilig, den geschichtlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, medizinischen, wissenschaftlichen und und und Kontext zu beleuchten, um die Nichtvergleichbarkeit des heute (siehe mein Bsp. "junge Frau")und damals (Worte der Bibel für den Kontext der betroffenen Zeit und Gesellschaft) aufzuzeigen...

Mein ganz alltägliches "Fallbeispiel" (meiner bescheidenen Einschätzung nach die Mehrheit der jährlichen 60.000 deutschen Abtreibungen) zeigt eine Entscheidung, die in weitestgehender Freiheit, mit klarer ökonomischer Absicht, und ohne besondere Liebe für das zu erwartende Kind vorgenommen wird.

Kurz noch zurück zum jüdischen Glauben: Ganz einheitlich sind die Einschätzungen dort nicht, aber die Mehrheit der Talmud-Interpretationen spricht von einer "Beseelung" des Ungeborenen Lebens etwa 40 Tage nach der Befruchtung, also ist spätestens ab diesem Zeitpunkt ein "Lebenswert" gegeben.

Wenn Du nur irgendetwas von Erkenntnissen und Exegesen im Christen- und Judentum zu verstehen versuchst, merkst du sofort, dass dein Interpretationskokolores reine Luftblasenerzeugung ist.

Wozu machst du eigentlich tagein tagaus diesen hanebüchen haltlosen Anti-Religionen-Zyklus?

Wichtiger noch: Bist du glücklich in deinem Leben?

Po8 hat gesagt…

Jemand, der die Bibel und insbesondere das Alte Testament, so liest, als hätte Wort für Wort im 21. Jahrhundert Gültigkeit, ist schon recht naiv einzuschätzen.

Und jemand, der meint eine hl.Schrift sei wirklich von einem Gott geschrieben oder inspiriert worden ist aus meiner Sicht noch naiver. Deswegen braucht es ja ein Heer von Pfaffen um diese archaischen und barbarischen Texte ins 21. Jh. zu retten.

Und btw, ich halte Exegese für die Vergewaltigung der Intelligenz. Wer so an Texte herangeht oder Exegese als Argument benutzt zeigt nur zu deutlich auf welch tönernen Füßen diese stehen.

Wozu machst du eigentlich tagein tagaus diesen hanebüchen haltlosen Anti-Religionen-Zyklus?

Damit ich mehr solcher Botschaften der Nächstenliebe, wie die Deinige, bekomme. Bei kontroversen Themen wie diesem zeigt sich die Heuchelei immer recht flott.