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Dienstag, Juli 08, 2008

Lord Helmchen reloaded...

Letztens bemerkte ich ja die Auffälligkeiten zwischen religiösen und cyclistischen Dogmen, deswegen hier noch mal eine Geschichte über die ich zufällig gestolpert bin - und zwar hier.
Samstag abend wollte ich bei jemandem auf der Fahhradstange mitfahren und hatte beide Beine links von der Stange hängen. Wir sind dann aus dem Stand nach rechts umgekippt und da meine Beine links hingen, konnte ich mich so gut wie gar nicht abfangen... Ich bin dann so richtig mit vollem Schwung mit dem Kopf auf die Teerstrasse gedonnert und kann mich an diese paar Sekunden auch gar nicht mehr erinnern (Ohnmacht?)... Jedenfalls habe ich jetzt eine dicke Beule am unteren Hinterkopf und seitdem Kopfweh. Was meint ihr dazu, muss man das röntgen?

Jetzt lässt man sich das mal auf der Zunge zergehen: Die Schreiberin (das mit dem Geschlecht ist eine Annahme von mir, sry wg. Chauvinismus) setzt sich auf die Stange (vermutlich zwischen Sattel und Lenker) eines Fahrrades, dieses kippt dann um und die Genannte schlägt mit dem Kopf auf - also eine "Standardsituation" beim Fahrradfahren!

Es dauert es nicht lange und die ersten Helmverfechter treten auf den Plan:
es ist erstaunlich wie viele Menschen jeden Tag mit dem Fahrrad verunglücken und mitunter schwere Schädeltraumata davontragen. Durch das Tragen eines leichten Fahrradhelms könnte man viele dieser schlimmen Verletzungen vermeiden. Ich fahre seit ca. 4 Jahren nur noch mit Helm Fahrrad. [...]
Deshalb noch einmal die Bitte an alle: fahrt niemals ohne Helm Fahrrad ! Der Helm ist Eure Lebensversicherung beim Fahrradfahren !

Hat der Typ mit den guten Ratschlägen den Unfallhergang nicht begriffen? Die Dame ist gar nicht Fahrradgefahren, sondern Fahrradmitgefahren und das auf der Querstange. Und schließlich schreibt noch ein letzter Teilnehmer:
Insgesamt sollte aber dieser Vorfall schon ein Beispiel dafür sein, wie wichtig doch so ein Fahrradhelm ist - oder?

Ich denke dieser Vorfall ist vor allem ein gutes Beispiel dafür, dass man zwar alt genug sein kann um in einem Forum zu schreiben, aber noch jung genug, seltsame Akrobatiknummern auf Fahrrädern abzuziehen. Ein Helm mag bei solchen Fahrradstunts vor den schlimmsten Kopfverletzungen schützen, klüger macht er einen aber nicht...

Mittwoch, Januar 07, 2009

Lord Helmchen revolution...

Prosit Neujahr!

Vermutlich hat jeder mitbekommen, dass Dieter Althaus, seines Zeichens CDU Ministerpräsident von Thürigen, am 1. Januar in einen Skiunfall auf österreichs Pisten verwickelt war. Bekannt ist derzeit folgendes:
  • Althaus trug einen Helm und überlebte schwerverletzt
  • die Frau trug keinen Helm und starb auf dem Weg ins Krankenhaus
Auf Grund dessen gibt es einen Run auf Skihelme, da man - wie beim Radfahren - in die Denkfalle tappt, dass ein Helm das Leben rette. Dabei ist der einzige Garant dafür eine umsichtige und vorsichtige Fahrweise, welche man leider immer weniger und weniger beobachten kann. Einer der wenigen, die die Faktenlage richtig einschätzen, ist der Ufallchirurg Christoph Kruis, der im SZ-Artikel so zitiert wird:
"Medizinisch betrachtet bietet ein Helm Schutz vor Gewalteinwirkung und bietet dem Individuum zweifelsfrei einen Vorteil." [...] "Im Bergsport ist immer wieder zu beobachten, dass ein Zusatz an objektiver Sicherheit durch bessere Ausrüstung sehr schnell egalisiert wird durch eine dadurch erst verursachte höhere Risikobereitschaft." [...] "Die Menschen müssen Eigenverantwortung übernehmen. Beim Sprung von einem 50 Meter hohen Kirchturm haben Sie beim Aufprall eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern. Den gleichen Effekt haben Sie, wenn zwei Skifahrer mit 50 Stundenkilometern aufeinander prallen. Diese Dimension ist den meisten Skifahrern gar nicht klar."

Und speziell diese erhöhte Risikobereitschaft kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Leute, die erst eine Woche auf den Brettern stehen, düsen die viel zu leichten Pisten in einem viel zu hohen Tempo hinunter. Ein Sturzhelm (denn wie beim Fahrradhelm ist vom Skihelm auch nicht viel mehr zu erwarten) erhöht die eigene gefühlte Sicherheit und zugleich aber auch das Risiko aller anderen Skifahrer durch die riskantere Fahrweise.

Und wenn man sich diesen Video ansieht, dann liegt bei mir die Vermutung nahe, dass die Frau (von der man immer weniger und weniger hört, war sie doch nur Hausfrau und 4fache Mutter, noch dazu aus Slowakei! - da ist ein Ministerpräsident natürlich wichtiger...) nur deswegen sterben musste, weil Althaus über seine Verhältnisse fuhr, evtl. nach vorherigem Genuss von 1-2 Jagertee - das wird die Blutuntersuchung zeigen, und ihrem ungeschützten Kopf noch mal ordentlich eins mit seinem Sturzhelm eingeschenkt hat (oder er hatte einfach den besseren Betonschädel?). Gestützt wird diese These vom ungewöhnlichen Unfallort, der tief in der Piste der Frau lag (wie man hier oder hier sehen kann) und von meinen persönlichen Erfahrungen. Um derartige Verletzungen auf beiden Seiten hervorzurufen muss man schon mit ordentlichem Tempo unterwegs sein - kontrolliertes Abschwingen genügt hier nicht. Wie passend auch, dass keine Zeugen aufzufinden sind, obwohl ich menschenleere Pisten seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe, und Althaus unter Amnesie leidet. Honi soit qui mal y pense...

Dienstag, April 22, 2008

Neulich bei Lord Helmchen...

Es ist schon faszinierend zu sehen, wie eine Religion entsteht. Umso faszinierender, dass diese Religion sich genau dessen bedient, was eigentlich einmal als Gegengift gegen alte Mythen gedacht war: der Wissenschaft.


Ich bin zufällig auf diesen Blogeintrag gestoßen, in dem es um das Tragen von Sturzbekleidung auf dem Kopf - kurz Helm genannt - geht, wobei die anschließende Diskussion in den Kommentaren noch viel aufschlussreicher ist. Erich hat das mal sehr gut in seinem Blog zusammengefasst. Doch für einen Einstieg in die Fahrradhelmproblematik seien mal kurz folgende Punkte genannt:
  • Fahrradfahren ist von der Risikobewertung ca. doppelt so gefährlich wie Golfspielen aber nur ein Viertel so gefährlich wie Tennisspielen (wie man hier nachlesen kann), also prinzipiell eine eher ungefährliche Tätigkeit
  • Es ist nicht geklärt, wieviele schwere oder lebensbedrohliche Kopfverletzungen beim Fahrradfahren auftreten
  • Es gibt keine vernünftigen Standards, was ein Fahrradhelm alles leisten können muss (außer nicht vom Kopf zu fallen, wenn man radelt)
Doch jetzt passiert etwas sehr spannendes, was, wie ich offen zugeben muss, an mir vorbeigegangen ist. Wir haben ein Vorurteil, eine Prägung, dass immer dann, wenn etwas gefährlich wird, ein Helm eine praktische Sache ist. So z.B. auf der Baustelle, beim Klettern, in der Formel 1 oder auch im Krieg. Wir nehmen aber nicht nur stillschweigend an, dass die jeweilige Kopfbedeckung den Anforderungen genügt, sondern auch, dass die Gefahr vor der geschützt werden soll eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit hat. D.h. der Helm der Infantrie soll Gewehrkugeln bis zu einem bestimmten Kaliber aufhalten können, der Baustellenhelm einen Ziegel, der aus einer bestimmten Höhe runterfällt oder der Kletterhelm die Steine, die sich immer mal aus einer Wand lösen oder vom Vordermann losgetreten werden usw..


Nun ist der Mensch aber auf der anderen Seite von Natur aus irrsinnig schlecht in Statistik. Unsere statistische Risikobewertung der Umwelt ist darauf ausgelegt, Dinge die um uns herum passieren in den Kontext unseres Weltbildes zu setzen und dieses ggf. abzuändern. Wir sind uns z.B. bewusst, dass Autofahren eine gefährliche Sache ist. Wir schnallen uns an, achten beim Autokauf auf passive Sicherheit, kaufen Kindersitze usw.. Auf der anderen Seite missachten wir aber das Risiko bei einem Haushaltsunfall zu sterben. Die Letalität ist aber in beiden Fällen ähnlich hoch (ca. 6.500 Tote p.a. in .de -> pi*Daumen ein Risiko von 1:12.500). D.h. obwohl wir eigentlich genausoviel Angst vor dem Frühjahrsputz haben müssten, wie vor der Fahrt zur Arbeit, scheint für uns das Autofahren eher gefährlich, der Haushalt eher ungefährlich. Um den Haushalt gefährlich erscheinen zu lassen müsste zum einen diese Statistik stärker publiziert werden und zum anderen noch ein Fall in unserem nähren Umfeld an uns herangetragen werden. Ich bin mir sicher, jeder kennt jemanden aus seiner nähren Umgebung, der schon mal in einen Autounfall verwickelt war. Genauso wahrscheinlich ist es aber, dass man jemanden kennt, der schon mal in einen Haushaltsunfall verwickelt war. Nur werden letztere nicht in gleicher Weise an die große Glocke gehängt.


Und hier greift jetzt das Glaubenssystem "Fahrradhelm". Eine Gruppe von Fahrradfahrern fährt mit Helm und suggeriert damit zwangsläufig, dass es sich um eine gefährliche Tätigkeit handelt, d.h. unser (unzulänglicher) Sinn für statistische Risikobewertung ist geweckt. Und anschließend kommt noch die Verstärkung von denjenigen Helmfahrern hinzu, die stürzten und anschließend meist ohne eine genaue Auswertung behaupten, der Helm hätte sie vor Schlimmerem bewahrt (siehe auch Erichs Kommentar dazu). Hingegen hört man von all denen nichts, die zwar gestürzt sind, aber keinen Helm trugen (s. hier).


Insofern haben wir hier zwei falsche Meme, die sich aber gegenseitig verstärken und somit ihr Überleben sichern. Mem-1 sagt, dass Fahrradfahren gefährlich ist (was es aber de facto nicht ist, sondern Frühjahrsputz ist 10x gefährlicher), Mem-2 sagt, dass man es durch einen Helm (dessen Wirksamkeit weder genau spezifiziert noch nachgewiesen ist) ungefährlicher wird (obwohl ein gesehener Helm unterschwellig zu der Annahme verleitet es sei gefährlich).


Insofern vermute ich, dass sich der Fahrradhelm immer mehr und mehr durchsetzen wird, da es sich hier um ein System mit positivem Feedback handelt, je mehr Helmfahrer, desto gefährlicher erscheint das Radfahren, umso eher sind Menschen bereit sich vor dieser Gefahr zu schützen, was in noch mehr Helmträgern resultiert.


Nur noch zur Klarstellung: Ich spreche dem Fahrradhelm in keinster Weise seinen Sturzschutz ab, d.h. er kann vor kleineren Verletzungen wie Platzwunden o.ä. schützen. Auch will ich niemanden verleiten mit oder ohne Helm zu fahren, denn es steht mir nicht zu anderen Menschen Vorschriften zu machen. Ich möchte nur bewusst machen, dass das Tragen oder Nichttragen eines Helms aus der persönlichen und möglichst sachlichen Risikoabwägung resultieren sollte und nicht daraus, was wir uns zusammenreimen.


Und btw, ich bin auch Herrn Schwarzers Meinung, dass diese Helme richtig Scheiße aussehen ;-P

PS: Hier auch noch ein netter Radhelmflyer