
Es ist schon faszinierend zu sehen, wie eine Religion entsteht. Umso faszinierender, dass diese Religion sich genau dessen bedient, was eigentlich einmal als Gegengift gegen alte Mythen gedacht war: der Wissenschaft.
Ich bin zufällig auf
diesen Blogeintrag gestoßen, in dem es um das Tragen von Sturzbekleidung auf dem Kopf - kurz Helm genannt - geht, wobei die anschließende Diskussion in den Kommentaren noch viel aufschlussreicher ist. Erich hat das mal sehr gut in
seinem Blog zusammengefasst. Doch für einen Einstieg in die Fahrradhelmproblematik seien mal kurz folgende Punkte genannt:
- Fahrradfahren ist von der Risikobewertung ca. doppelt so gefährlich wie Golfspielen aber nur ein Viertel so gefährlich wie Tennisspielen (wie man hier nachlesen kann), also prinzipiell eine eher ungefährliche Tätigkeit
- Es ist nicht geklärt, wieviele schwere oder lebensbedrohliche Kopfverletzungen beim Fahrradfahren auftreten
- Es gibt keine vernünftigen Standards, was ein Fahrradhelm alles leisten können muss (außer nicht vom Kopf zu fallen, wenn man radelt)
Doch jetzt passiert etwas sehr spannendes, was, wie ich offen zugeben muss, an mir vorbeigegangen ist. Wir haben ein Vorurteil, eine Prägung, dass immer dann, wenn etwas gefährlich wird, ein Helm eine praktische Sache ist. So z.B. auf der Baustelle, beim Klettern, in der Formel 1 oder auch im Krieg. Wir nehmen aber nicht nur stillschweigend an, dass die jeweilige Kopfbedeckung den Anforderungen genügt, sondern auch, dass die Gefahr vor der geschützt werden soll eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit hat. D.h. der Helm der Infantrie soll Gewehrkugeln bis zu einem bestimmten Kaliber aufhalten können, der Baustellenhelm einen Ziegel, der aus einer bestimmten Höhe runterfällt oder der Kletterhelm die Steine, die sich immer mal aus einer Wand lösen oder vom Vordermann losgetreten werden usw..
Nun ist der Mensch aber auf der anderen Seite von Natur aus irrsinnig schlecht in Statistik. Unsere statistische Risikobewertung der Umwelt ist darauf ausgelegt, Dinge die um uns herum passieren in den Kontext unseres Weltbildes zu setzen und dieses ggf. abzuändern. Wir sind uns z.B. bewusst, dass Autofahren eine gefährliche Sache ist. Wir schnallen uns an, achten beim Autokauf auf passive Sicherheit, kaufen Kindersitze usw.. Auf der anderen Seite missachten wir aber das Risiko bei einem Haushaltsunfall zu sterben. Die Letalität ist aber in beiden Fällen ähnlich hoch (ca. 6.500 Tote p.a. in .de -> pi*Daumen ein Risiko von 1:12.500). D.h. obwohl wir eigentlich genausoviel Angst vor dem Frühjahrsputz haben müssten, wie vor der Fahrt zur Arbeit, scheint für uns das Autofahren eher gefährlich, der Haushalt eher ungefährlich. Um den Haushalt gefährlich erscheinen zu lassen müsste zum einen diese Statistik stärker publiziert werden und zum anderen noch ein Fall in unserem nähren Umfeld an uns herangetragen werden. Ich bin mir sicher, jeder kennt jemanden aus seiner nähren Umgebung, der schon mal in einen Autounfall verwickelt war. Genauso wahrscheinlich ist es aber, dass man jemanden kennt, der schon mal in einen Haushaltsunfall verwickelt war. Nur werden letztere nicht in gleicher Weise an die große Glocke gehängt.
Und hier greift jetzt das Glaubenssystem "Fahrradhelm". Eine Gruppe von Fahrradfahrern fährt mit Helm und suggeriert damit zwangsläufig, dass es sich um eine gefährliche Tätigkeit handelt, d.h. unser (unzulänglicher) Sinn für statistische Risikobewertung ist geweckt. Und anschließend kommt noch die Verstärkung von denjenigen Helmfahrern hinzu, die stürzten und anschließend meist ohne eine genaue Auswertung behaupten, der Helm hätte sie vor Schlimmerem bewahrt (
siehe auch Erichs Kommentar dazu). Hingegen hört man von all denen nichts, die zwar gestürzt sind, aber keinen Helm trugen (s.
hier).
Insofern haben wir hier zwei falsche
Meme, die sich aber gegenseitig verstärken und somit ihr Überleben sichern. Mem-1 sagt, dass Fahrradfahren gefährlich ist (was es aber de facto nicht ist, sondern Frühjahrsputz ist 10x gefährlicher), Mem-2 sagt, dass man es durch einen Helm (dessen Wirksamkeit weder genau spezifiziert noch nachgewiesen ist) ungefährlicher wird (obwohl ein gesehener Helm unterschwellig zu der Annahme verleitet es sei gefährlich).
Insofern vermute ich, dass sich der Fahrradhelm immer mehr und mehr durchsetzen wird, da es sich hier um ein System mit positivem Feedback handelt, je mehr Helmfahrer, desto gefährlicher erscheint das Radfahren, umso eher sind Menschen bereit sich vor dieser Gefahr zu schützen, was in noch mehr Helmträgern resultiert.
Nur noch zur Klarstellung: Ich spreche dem Fahrradhelm in keinster Weise seinen Sturzschutz ab, d.h. er kann vor kleineren Verletzungen wie Platzwunden o.ä. schützen. Auch will ich niemanden verleiten mit oder ohne Helm zu fahren, denn es steht mir nicht zu anderen Menschen Vorschriften zu machen. Ich möchte nur bewusst machen, dass das Tragen oder Nichttragen eines Helms aus der persönlichen und möglichst sachlichen Risikoabwägung resultieren sollte und nicht daraus, was wir uns zusammenreimen.
Und btw, ich bin auch
Herrn Schwarzers Meinung, dass diese Helme richtig Scheiße aussehen ;-P
PS: Hier auch noch ein netter Radhelmflyer