Freitag, Mai 01, 2009

Das Wort zum Sonntag #62

Thema heute:
Das ethische Dilemma von hierarischen Gesellschaftsformen.

Jegliche Regierungsform in der Menschen hierarchisch organisiert sind hat zwei grundlegende ethische Probleme, nämlich zum einen diese Hierarchie zu begründen, zum anderen die Begründung der Mittel zur Aufrechterhaltung derselben.

Ein ethisches Prinzip kann nämlich nur dann Gültigkeit haben, wenn es für eine klar definierbare Gruppe gleichermaßen gilt. Wenn man z.B. als ethisches Prinzip die menschliche körperliche Unversehrtheit anerkennt, so ist es unverständlich bzw. widersprüchlich, wenn diese dann nicht für muslimische oder jüdische Jungen gilt, denen man an ihren Penissen rumschnippelt. Um dies zu tun müsste man nämlich zunächst nachweisen, dass derartige Jungen außerhalb der Definition des ethischen Prinzips liegen - also in diesem Fall keine Menschen sind. Kann man das nicht, muss man entweder das Prinzip verwerfen und öffnet damit Tür und Tor um jedem zu jeder Zeit irgendetwas wegzuschnippeln (z.B. dem Opa einen Finger etc.) oder andernfalls die Tätigkeit des Schnippelns einstellen um den gesetzten Vorgaben gerecht zu werden.

Das grundlegende ethische Prinzip von Regierungen lautet: es gibt einen (oder eine Gruppe von Leuten) der neben der Macht über sich selbst noch Macht über andere Menschen hat. Doch hier sieht man auch gleich das Problem, denn es kann kein eindeutiges Kriterium genannt werden, dass den Machthaber vom Bemächtigten unterscheidet. Das ist den Beteiligten natürlich auch mehr oder weniger bewusst, weswegen die Aufrechterhaltung der Macht ausschließlich durch Gewalt geschehen kann. Man kann dies zwar durch Rationalisierung kaschieren (der Bemächtigte ordnet sich "freiwillig" unter, weil der andere schlauer, größer, schneller etc. ist), am Ende des Tages und so der Bemächtigte an der Struktur etwas zu ändern sucht, wird nur noch der Weg der Gewalt übrigbleiben, da eine ethisch-rationale Begründung nicht vorgelegt werden kann (ok, der Machthaber könnte auch die Macht aufgeben - nur haben wir das je beobachtet?).

Und wie gesehen ergibt sich hier auch gleich das zweite ethische Problem, welches lautet: es gibt einen (oder eine Gruppe von Leuten) die Gewalt gegen andere ausüben dürfen. Doch wenn man z.B. die heutigen Gesellschaften betrachtet, dann erkennt man, dass dies eben nicht als ethisches Prinzip des Zusammenlebens favorisiert wird und i.d.R. aggressive oder gewalttätige Taten gegen andere Menschen geahndet und geächtet werden. Auch hier gilt wieder, entweder alle dürfen Gewalt ausüben oder keiner darf das (oder man nennt schlüssige Abgrenzungskriterien zwischen den Gruppen) - sonst ist das ethische Prinzip für den Müll.

Betrachtet man nun die Vorgehensweisen in modernen Gesellschaften, so erkennt man, dass z.B. Polizisten Gewalt ausüben können ohne dafür geächtet zu werden, Nicht-Polizisten werden aber für gleichartige Handlungen bestraft. Beispiel: wenn mich ein Polizist mit einer Waffe bedroht und ich weglaufen will um der Gefahr zu entgehen, dann schießt mir dieser ins Bein ohne dass dieser Akt der Aggression Folgen hätte. Wenn ich aber meinem Nachbarn die Pistole auf die Brust setze, dieser wegläuft und ich ihm ins Bein schieße, so werde ich sanktioniert, i.d.R. eingesperrt. Insofern stellt sich die Frage, was denn einen Polizisten prinzipiell von einem Nicht-Polizisten unterscheidet? Und wenn man hier kein Kriterium nennen kann, so ist die Begründung der Polizeigewalt für die Füße bzw. das ethische Prinzip zu verwerfen.

Gleiches gilt natürlich auch für religiös organisierte Gesellschaften. Der Vorbeter behauptet zu wissen was die jeweilige Gottheit will und zur Durchsetzung der göttlichen Gesetze bedient er sich profaner Gewalt. Weder kann man begründen, warum der jeweilige Kleriker diese Macht besitzt, noch welches ethische Prinzip hinter der Gewaltausübung liegt.

Die meines Erachtens einzige Möglichkeit hier wieder auf ethisch begründbares Terrain zu gelangen ist, die Machtlosigkeit aller zum Prinzip zu erklären. Keiner hat Macht über den anderen, woraus sich auch ergibt, dass keiner initial Gewalt gegenüber einem anderen anwenden kann. D.h. wir sollten uns nicht nur dafür einsetzen, dass Religionen keine Macht mehr haben bzw. bekommen, sondern mit dem gleichen Nachdruck müssen wir uns - so wir konsequent sein wollten - dafür einsetzen, dass Regierungen jedweder Art ihre Macht einschränken bzw. verlieren.
Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen.
(Isaac Asimov)

Kommentare:

Sven Türpe hat gesagt…

Das grundlegende ethische Prinzip von Regierungen lautet: es gibt einen (oder eine Gruppe von Leuten) der neben der Macht über sich selbst noch Macht über andere Menschen hat. Doch hier sieht man auch gleich das Problem, denn es kann kein eindeutiges Kriterium genannt werden, dass den Machthaber vom Bemächtigten unterscheidet.Doch, dieses Kriterium gibt es: die mehrheitliche Selbstunterwerfung der "Bemächtigten". Das Machtmodell der Regierung, der gesellschaftlichen Hierarchie führt letztlich in einen Zirkelschluss, weil die Macht nur mit Macht erhalten werden kann, und in der Theorie wie in der Relität bricht schnell alles zusammen, wenn dann mal wirklich jemand an dieser selbstbezüglichen Macht kratzt. Außerdem macht das Machtmodell unglücklich, weil es Menschen für machtlos erklärt, die es objektiv gar nicht sind. Man schaue sich zum Beispiel die ganzen Bewerbungsratgeber an: die beruhen alle auf einer Hierarchieillusion, die sich nicht aus realer Macht ergibt, sondern aus der Angst der Zielgruppe vor unterstellter Macht. Die löscht dann aus eingeredeter Angst ihre Jugendpartyfotos im Netz, für die sich auf dem Arbeitsmarkt eigentlich keiner interessiert. Oder vielleicht auch nicht, denn oft sind wir viel vernünftiger, als wir glauben, auch die anderen.

Ich bevorzuge ein Rollenmodell. In der Gesellschaft oder auch in kleineren sozialen Systemen -- Firmen, Unis, Vereinen, usw. -- nehmen Menschen verschiedene Rollen ein. Das kann explizit geschehen oder auch implizit; die Rollen können klar definiert oder unscharf bestimmt sein; und zwischen den Rollen kann es hierarchische Beziehungen geben. Auf einmal ist die Hierarchie gar nicht mehr so schlimm, sondern sie wird zum nützlichen Werkzeug für alle. Voraussetzung dafür ist, dass die Rollenbesetzung (tatsächlich) in Gegenrichtung zur Hierarchie bestimmt wird, d.h. von unten nach oben, und dass das Gesamtsystem genüpgend Spielraum lässt, Streitfragen auf der niedrigstmöglichen Ebene zu klären. Falls jetzt jemand an Wahlen und das Subsidiaritätsprinzip, denkt, ist das kein Zufall. Wichtig ist außerdem, dass man sich jeder spezifischen Hierarchiebesetzung weitghend entziehen kann, notfalls durch Auswanderung.

Wer Regierungen übermäßige Macht zuschreibt, der entmachtet sich selbst. Ich suche mir meine Regierung und meinen Chef selbst aus, und so benehme ich mich auch.

Po8 hat gesagt…

Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar.

"Ich suche mir meine Regierung und meinen Chef selbst aus, und so benehme ich mich auch."Beim Chef kann ich das ja in gewisser Weise noch nachvollziehen, wenn man das Rollenverständnis nicht mehr teilt, kündigt man eben. Aber welche Region der Erde wäre denn eine in der man sich nicht unter Gewaltandrohung einer Minderheit unterwerfen muss? Wohin könnte man auswandern?

freiheitistunteilbar hat gesagt…

Die Abgrenzung zwischen Gewalt und initiierender Gewalt ist notwendig, andernfalls wäre es für die illegitim, sich mit Waffengewalt zu verteidigen.